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Sonntag, 18. November 2012

Besuch in Tzanchaj


Wir sind bei Nino, bei dessen Familie Annkathrin 2005 in Tzanchaj gelebt hatte, zum Mittagessen eingeladen. 

Wir spazieren nach Tzanchaj über eine staubige aber mittlerweile asphaltierte Strasse, die aus dem Ort heraus führt und durch die vorgelagerten Stadtteile bzw. Dörfer Panabaj und Tzanchaj führt. Panabaj ist im Jahr 2005 ganz besonders schwer durch die Schlammlawine, die durch die schweren Regenfälle des Hurrikan Stan ausgelöst wurde, betroffen gewesen und es starben über tausend Einwohner. 

Noch immer sieht man verschüttete Häuser dort, doch viele sind wieder in ihre Häuser eingezogen. In Panabaj und Tzanchaj leben die Menschen in wesentlich ärmeren Verhältnissen, als im Stadtzentrum, wo wir leben. Die meisten haben zwar irgendwie Strom und Wasser, doch sie arbeiten in der Regel als Tagelöhner oder haben kleine Grundstücke, die sie bewirtschaften und die Frauen verdienen durch ihr Kunsthandwerk, meist Perlenarbeiten, noch etwas hinzu. Zwischen Panabaj und Tzanchaj sieht man die Bauruinen von einer ganzen Gruppe von Häusern, die als Ersatz für die Menschen gebaut worden waren, die durch den Hurrikan Stan ihre Häuser verloren haben. Kurz vor der Fertigstellung stellte man jedoch fest, dass das Gebiet, in dem sie gebaut worden sind, weiterhin hochgradig gefährdet ist durch Schlammlawinen zerstört zu werden. So wäre es nur eine Frage der Zeit gewesen bis es erneut zur Katastrophe gekommen wäre. So hat man dann auf der anderen Seite des Ortes neue Ortsteile angelegt - Chukmuk eins bis vier.

Nino mit Tochter Susana
In Tzanchaj haben sich die Häuser und Wege verändert, so dass wir erst dachten, dass wir uns ein bisschen verlaufen hätten. Immer mehr Häuser sind nun gemauert, anstelle von mit Wellblech gedeckten Schilfhütten und es fällt auf, dass mehr Häuser von Mauern umgeben sind.

Bei Nino empfangen uns seine beiden kleinen Töchter und zwei Hunde. Nino kommt dann auch dazu; er hatte wohl gerade noch geschlafen. Alle sind vor allem von Milan fasziniert. 

Nino hat vier Kinder. Der älteste Sohn ist 16 Jahre alt, er grüßt und beachtet uns kaum und wirkt uns gegenüber extrem schüchtern. Ein paar Kumpels von ihm sind zu Besuch. Nino erzählt uns das einer von ihnen, ebenfalls 16, in fünf Monaten Vater wird und bereits verheiratet ist. Für uns wirken die Jungs noch sehr klein. Schule haben sie abgebrochen, da sie keine Lust mehr hatten. Nino erzählt aber stolz, dass Nicolas regelmäßig fischen geht und den Fisch auf dem Markt verkauft. Am Vortag habe Nicolas fünf Kilo Fisch gefangen.

Ninos älteste Tochter ist ungefähr zwölf Jahre alt. 2005 fiel sie als unheimlich aufgewecktes und zum Teil freches Mädchen auf. Ich hatte sie sehr ins Herz geschlossen. Mittlerweile hat sie ebenfalls die Schule abgebrochen. Sie spricht nur sehr schlecht Spanisch und war nicht lange genug in der Schule um richtig Lesen und Schreiben zu können.


Die beiden kleinen Schwestern Susana und Carmelina machen einen sehr lebenslustigen Eindruck und haben großen Spass daran, mit Gerrit Fotos zu machen. Sie freuen sich sehr über unseren Besuch. Sie sehen ziemlich verwahrlost aus im Vergleich zu den Kindern in der Stadt. Sie haben auffällig schlechte Zähne, schlechte Haut und sehr dreckige Kleidung. Nino gehört mit seinem Job im Hotel zu den gut verdienenden in Tzanchaj. Und es ist ein schwer nachvollziehbarer Gegensatz zwischen dem Zustand seines Hauses und seiner Kinder und dem weißen gebügelten Hemd, was er am Ende anzieht, als er zum Dienst im Hotel aufbrechen muss. 

Nino erzählt uns davon, dass er sich noch weiteres Land gekauft hat und dass er noch weitere Grundstücke anstrebt. Neben dem Job im Hotel hat er auch noch ein paar kleine Grundstücke, auf denen er Kaffee anbaut. Es ist ihm sehr wichtig, dass er für jedes seiner Kinder Wohnraum für sie und ihre zukünftigen Familien haben wird.

Ninos Frau Ana mit Milan
Nino spricht ein bisschen Englisch, hat durch seinen Job im Hotel viel Kontakt zu Ausländern und einen ziemlich weiten Horizont. Vor ein paar Jahren hat er noch den Eindruck vermittelt, dass er seinen Kindern mehr Bildung und mehr Mobilität ermöglichen möchte, als er es gehabt hat, doch nun hat man das Gefühl, dass die nächste Generation wieder ganz nah an dem ganz normalen Leben in Tzanchaj dran sein wird. 

Nino serviert uns auf großen Tellern Essen, für das er wahrscheinlich extra in die Stadt gefahren ist, um es für uns zu kaufen. Ein Tisch und Plastikstühle werden herbeigeholt und wir sollen uns setzen. Die anderen haben angeblich schon gegessen oder essen später. Die Tochter Ana sitzt in der Küche und isst Hühnchen. Sie schämen sich, mit uns zusammen zu essen und für uns ist es ein komisches Gefühl, alleine vor ihnen zu essen. Mit Ninos Frau Ana können wir leider so gut wie gar nicht kommunizieren, da sie kein Spanisch spricht. Ab und zu übersetzt Nino, was sie auf Tzutujil sagt, aber sie ist sehr zurückhaltend. Trotzdem macht es den Eindruck, als würde sie sich freuen, dass wir da sind.

Die Tochter Ana will gerne immer wieder Milan auf den Arm nehmen. Die Eltern von ihr ermahnen sie immer wieder, dass sie das nicht machen solle. Insgesamt haben wir viel Spaß mit den Kindern, die sich vor allem über Milan freuen, der wiederum gebannt dem Trubel zuschaut. 

Eine neue Tragetuchtechnik wird ausprobiert. 
Bevor wir wieder gehen zeigt Ninos Frau uns noch die gängige Baby-Tragetechnik. Dazu faltet sie unser Tuch doppelt, da die Tücher hier nur halb so lang und ich glaube normalerweise auch etwas breiter sind. Ich freue mich immer sehr, wenn es Möglichkeiten gibt, mit Ninos Frau in irgendeiner Form zu kommunizieren oder zu interagieren, denn irgendwie ist diese Sprachlosigkeit unangenehm. Milan macht zunächst wirklich gut mit und hängt dann schräg auf dem Rücken, vor der Brust der Tragenden ist dann ein dicker Knoten und irgendwie verteilt sich das Gewicht gut.

Auf dem Rückweg machen wir dann noch Halt an der Badestelle des (Luxus-)Hotels in dem Nino arbeitet. Das stellt einen starken Kontrast zu der Lebenswelt in Tzanchaj dar und wirkt erstmal etwas verwirrend. Direkt am See ist auch ein Pool und ein Hot Tub. Vor dem Pool sollen sich zwei US-Amerikaner, ein älteres Paar. Der Mann hat einen stark sonnenbrandversehrten Oberkörper. Wir gehen eine Runde im See schwimmen. Das Wasser ist erfrischend und es ist einfach idyllisch mit Blick auf den Vulkan und den Ort. Am Ufer sind verschiedene Wasservögel zu sehen.


Der Swimming Pool am See des Hotels Posada
in dem Nino als Kellner arbeitet


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